Fundamentalisten des Kinos

Es gibt offensichtlich auf beiden Seiten »Fundamentalisten«: Bewohner des Popcorn-Universums, die jede kritische Öffnung ihrer geschlossenen Kinowelt als Kränkung betrachten; Bewohner des Diskurs-Universums, denen die Vorstellung von purem Vergnügen als unsittliches Angebot erscheint. Wenn ich mich bei einem Rundblick über die Filmkulturen nicht sehr täusche, so gibt es kein Land, in dem sich intellektuelle und Popcorn-Fraktion so unentspannt, unversöhnt und ideologisch aufgeladen begegnen wie in Deutschland. Das hat wohl einen größeren Zusammenhang. Der große Bruch zwischen dem Diskurs- und dem Popcorn-Universum wird hier überlagert und verstärkt von einem allgemeinen antiintellektuellen Impuls auf der einen und einem antipopulären Impuls auf der anderen Seite.
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Nun geht es um die Existenz gleich auf zwei Ebenen: Um das Recht einer Unabhängigkeit der Kritik von ökonomischen Verwertungsinteressen und um das Recht auf ideologische Unabhängigkeit. Denn die wirkliche Konfliktlinie verläuft nicht zwischen intellektueller und Popcorn-Kritik, sondern zwischen Unabhängigkeit und Abhängigkeit. Unabhängigkeit von den ökonomischen Interessen des Betriebes, der Politik, der Medienlandschaft und den Erwartungshaltungen des Publikums.
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Das gefährlichste Argument der fundamentalistischen anti-intellektuellen Popcorn-Kritik ist eben der Kurzschluss zwischen Unterhaltung und Ideologie. Wenn es gefällt (und eben »gut gemacht« ist), dann ist es auch gut, egal ob es dumm macht, lügt und propagandistisch ist. In diesem Punkt wird eine ausgeprägt konformistische Popcorn-Kritik selber zu dem, was sie den Gegnern eigentlich vorwirft, nämlich politisch. Nur nennt man es dort nicht so. Das gefährlichste Argument der fundamentalistischen intellektuellen Kritik gegenüber dem Popcorn-Universum ist, es von vornherein als dumm und reaktionär hinzustellen. In diesem Punkt wird eine konformistische intellektuelle Filmkritik zu dem, was sie dem Gegner unterstellt: blind.

Georg Seeßlen in der filmzentrale zu den scheinbaren Widersprüchen der deutschen Fimkritik. Warum er dabei immer auf diesem deutsch rumhackt, ist mir nicht so ganz nachvollziehbar, aber ansonsten sehr lesenswert.

via 5Filmfreunde