Was also macht die Aussage einer lesbischen Syrierin zu einer solchen?

Aber mit Moral kommt man im Bereich des Politischen nicht weit. Das Ganze ist nur zum Teil eine ethische Frage, sondern es ist eigentlich eine erkenntnistheoretische: Inwiefern hängt die eigene Identität mit dem Inhalt dessen, was man sagt, zusammen? Tom Mac Master etwa versteht das Problem nicht. Er verteidigt sich mit dem Argument, dass er zwar nicht sei, wer er vorgegeben hat, zu sein, aber was er geschrieben hat, war doch richtig? Und man muss zugeben: Das war es ja offenbar auch, wenn viele es so gut fanden und sogar große internationale Medien ihn/sie um Interviews baten.

Was also macht die Aussage einer lesbischen Syrierin zu einer solchen? Die mediale Antwort ist klar: Die Medien schätzen es, wenn eine lesbische Syrierin möglichst gut, mitreißend und eloquent das sagt, wovon sie glauben, dass eine lesbische Syrierin es so sagt. Und genau das hat Tom Mac Master geliefert. Etwas anderes konnte er ja auch gar nicht liefern, weil er nämlich keine lesbische Syrierin ist, sondern ein amerikanischer Student. Er musste also sich vorstellen, was eine lesbische Syrierin wohl so sagen würde, und das hat er – offenbar sehr überzeugend – aufgeschrieben.

Genau so funktioniert mediale Aufbereitung von politischer Dissidenz generell: Zu Wort kommt und Aufmerksamkeit bekommt, wer als Teil einer identitären Gruppe möglichst das aufschreibt, was man im Allgemeinen von einer Person aus dieser Gruppe erwartet. Bricht eine Person diese Erwartungen, wird es kompliziert, stimmt nicht mehr mit den üblichen Zuweisungen und Vorurteilen überein, erfordert Differenzierungen – und schon ist kein Platz mehr dafür in den Medien.

Antje Schrupp: Das einzige Mittel gegen Fakes: Körperkontakt!