Wer wann wie mit wem?

Doch in Zeiten eines flexibilisierten und neoliberalen Geschlechterregimes, wirken die geschlechterpolitischen Institutionen wie behäbige Bürokratiemonster, die kaum mehr in der Lage sind, auf die sich ständig verändernden Bedürfnisse und Lebensbedingungen ihrer Zielgruppe reagieren zu können. Die Frage, wer Teil der Zielgruppe ist, bleibt dabei meistens ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der Strategie.

Feministische und emanzipatorische Potenziale im geschlechterpolitischen Feld sucht man also heutzutage lieber in autonomen Kontexten: Antisexismusbündnisse der radikalen Linken, queer/feministische Verzweigungen und Diskussionen im Internet, Mailinglisten zu Antirassismus und Empowerment, Workshops in FrauenLesbenTrans*-Räumen oder Planungstreffen zu queeren(den) Veranstaltungen, um nur einen kurzen Einblick in das weit gefächerte Spektrum widerständiger, autonomer Politiken zu geben.
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Ein „Wir“ muss stets neu verhandelt werden, um breite Solidarität zu erreichen. Ein „Wir“ muss mit Widersprüchen und Brüchen umgehen können. Ein „Wir“, das ohne radikale Selbstkritik auskommt, ist nichts weiter als ein_e Stellvertreter_in von Partikularinteressen einer privilegierten Gruppe.

Allerdings gerät ein Aspekt bei dieser feministisch-kritischen Erwartungshaltung gern ins Hintertreffen: Für Selbstreflexion, Differenziertheit, theoretische Einordnungen und politische Arbeit sind Ressourcen nötig, die innerhalb klassistischer und rassistischer Verhältnisse nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Zugleich greifen strukturell verankerte Diskriminierungsmuster, die den Zugang in entsprechende Räume erheblich erschweren: Wieviele Betroffene rassistisch motivierter Gewalt sind in autonomen Politgruppen aktiv? Wer kann ein Studium aufnehmen und/oder kommt in den Genuss kritischer Wissensfelder? Wer kann sich die Arbeit in unter- bzw. nichtfinanzierten Projekten leisten?

Nadine Lantzsch: Widerstand mit Hindernissen – Fallstricke queer/feministischer Bündnispolitik