Ein Gedankenspiel

Nehmen wir an: Es gibt keine Vergewaltigungen mehr. Die Gehirnchemie der Menschen hat sich über Nacht verändert. Oder Gott endlich Erbarmen. Oder ein Journalist hat es sich ausgedacht, wider besseres Wissen, einen Artikel lang. Keine Vergewaltigungen mehr, keine einzige.

Sex ist endlich friedlich. Ein Vergnügen zwischen freien Menschen, kein Mittel, einen anderen zu beherrschen. Er findet nur statt, wenn zwei (oder wie viele auch immer) es wollen. Um einander zu genießen, Lust zu machen, zu trösten, Babys zu zeugen, egal. Aber nicht mehr gegen eines anderen Menschen Willen. Ein Nein ist ein Nein. Man muss nicht einmal groß darüber reden, man merkt es auch so.

Keine Frau denkt mehr nachts über die Schritte in ihrem Rücken nach. Oder über den Mann, der im Wartehäuschen auf den Nachtbus wartet. Den Nachhauseweg. Das Parkhaus. Die paar Meter in der Tiefgarage bis zum Aufzug. Darüber, ob sie hysterisch ist, wenn sie sich fragt, ob es sicher ist.

Wie soll man eine Welt ohne Vergewaltigungen beschreiben? Wahrscheinlich gliche sie der Welt, in der die allermeisten Männer leben: eine Welt, in der sexuelle Gewalt ein Abgrund ist, von dessen Existenz sie zwar wissen, in dessen Nähe das eigene Leben aber nie kommt.

Peter Praschl im SZ Magazin:
Pfoten weg – Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Vergewaltigung gäbe? Ein Gedankenspiel.
[TRIGGER!]
via Mädchenblog