Archiv Seite 3

Nichts neues, aber mal bestätigt

Franz W. war weniger graue Eminenz als graue Maus. Inzwischen aber herrscht Entsetzen in Münchens linker Szene: Man ist sich sicher, dass Franz W. (Name geändert) über viele Jahre als V-Mann des Verfassungsschutzes spioniert hat. Der Süddeutschen Zeitung liegen Tonbänder aus den vergangenen Jahren vor, die von W. besprochen wurden und diesen Schluss nahelegen.

Dass einige linke Gruppen vom Geheimdienst beobachtet werden, ist bekannt, man kann das Erkenntnisdestillat jedes Jahr im Bericht des Landesamtes für Verfassungsschutz nachlesen. So verwundert auch nicht, dass zu den Lieblingsobjekten des mutmaßlichen Spitzels das „Bündnis gegen Krieg und Rassismus“ gehörte. In seinen Berichten tauchen, neben Persönlichem über die Freunde und öffentlich Bekannten, aber auch Personen auf, die nicht in Verdacht stehen, Verfassungsfeinde zu sein. Etwa die heutige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP, die Grünen-Fraktionschefin im bayerischen Landtag, Margarete Bause, oder der frühere Münchner SPD-Bürgermeister Klaus Hahnzog.

SZ: V-Mann in Münchens linker Szene

Riots verstehen

Ich bin weiß.

Ich komme als Weiße zur Welt und werde es immer bleiben. Mein rassifizierter Körper (in dem Fall rassifiziert, weil weiß die antipode Norm zu Schwarz ist, von der aus rassifizierte nichtweiße Subjekt konstruiert und untergeordnet wird) ist mein Leben lang Anrufungen ausgesetzt. Was ich tun kann, ist mich zu markieren. Mein Sprechen deutlich zu machen als ein weißes Sprechen. Doch wie entkomme ich der Falle des Essentialismus? Ich bin keine Freundin von Differenzartikulationen, solange sie dazu dienen, irgendetwas festzuschreiben, was doch nur wieder ausgrenzt, Dominanz fortschreibt und Emanzipation verhindert und dennoch: Ich kann es nicht verändern. Ich kann mich nicht lossagen, auch wenn ich mich kritisch positioniere, handele, rassismuskritisch Politik mache. In einer rassistischen Welt ist mein Körper Differenz- und Dominanzartikulation zugleich. Wenn ich mich mit Critical Whiteness beschäftige, dann weil ich’s kann, nicht, weil ich muss. Weil dieses Wissen für mich produziert wurde (von Schwarzen und Weißen), auf das ich jederzeit zurückgreifen kann, ich in (nahezu) jedem (auch kritischen) Raum mit dem Sprechen (nicht nur) über Critical Whiteness gehört werde, sogar anerkannt werde. Weil mir meine weißen Privilegien locker durch’s Leben helfen. Immer. Überall. Mich von diesen Privilegien lossagen zu wollen, ist auch ein Privileg. Weil ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es ist, ohne diese Privilegien zu leben. Könnte ich es, würde ich es mit Sicherheit nicht wollen.

Medienelite: Mein Unbehagen mit dem Weißsein

Ein Gedankenspiel

Nehmen wir an: Es gibt keine Vergewaltigungen mehr. Die Gehirnchemie der Menschen hat sich über Nacht verändert. Oder Gott endlich Erbarmen. Oder ein Journalist hat es sich ausgedacht, wider besseres Wissen, einen Artikel lang. Keine Vergewaltigungen mehr, keine einzige.

Sex ist endlich friedlich. Ein Vergnügen zwischen freien Menschen, kein Mittel, einen anderen zu beherrschen. Er findet nur statt, wenn zwei (oder wie viele auch immer) es wollen. Um einander zu genießen, Lust zu machen, zu trösten, Babys zu zeugen, egal. Aber nicht mehr gegen eines anderen Menschen Willen. Ein Nein ist ein Nein. Man muss nicht einmal groß darüber reden, man merkt es auch so.

Keine Frau denkt mehr nachts über die Schritte in ihrem Rücken nach. Oder über den Mann, der im Wartehäuschen auf den Nachtbus wartet. Den Nachhauseweg. Das Parkhaus. Die paar Meter in der Tiefgarage bis zum Aufzug. Darüber, ob sie hysterisch ist, wenn sie sich fragt, ob es sicher ist.

Wie soll man eine Welt ohne Vergewaltigungen beschreiben? Wahrscheinlich gliche sie der Welt, in der die allermeisten Männer leben: eine Welt, in der sexuelle Gewalt ein Abgrund ist, von dessen Existenz sie zwar wissen, in dessen Nähe das eigene Leben aber nie kommt.

Peter Praschl im SZ Magazin:
Pfoten weg – Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Vergewaltigung gäbe? Ein Gedankenspiel.
[TRIGGER!]
via Mädchenblog

Jetzt haut’s halt einfach ab, ihr nervt!

Nachdem ja schon am Samstag die REPs nerven wollen berichtet das a.i.d.a.-Archiv jetzt:

Der bayerische Landesverband der rechten Splitterpartei „Die Freiheit“ (DF) um die „Politically Incorrect“-Autoren Christian Jung und Michael Stürzenberger plant eine „Anti-Moschee“-Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz. Beginn soll um 14.00 Uhr sein.

Not every ejaculation deserves a name

Call on me


via Nerdcore

Ich besetz jetzt erstmal das Firmenklo…

Und wie es derzeit eben üblich ist, hängen sich alle, die ihre Demokratie wieder oder endlich oder noch mehr zu einer wahrhaften, true & real, machen wollen, besinnungslos mit dran und rufen für den 15.10. zur Besetzung anderer Börsen, vermeintlich wichtiger öffentlicher Plätze oder auch gleich des ganzen Planeten auf. Und geben jede Menge kaum noch entwirrbare Begründungen dafür ab, warum der Kapitalismus so unglaublich perfide und schlimm ist, die Lösung aber nicht in seiner Überwindung sondern in noch mehr Demokratie, Transparenz, Einigkeit und Sparsamkeit besteht. Besonders häufig ist die Rede vom Ende merkwürdiger kognitiver Dissonanzen (daß die eigene Stimme wieder zu hören sein soll) und vom Ende der Kränkung, als Untertan nicht ernstgenommen zu werden (diejenigen, die einem die ganze Scheiße eingebrockt haben, sollen einem wenigstens endlich mal zuhören).

Und das heißt dann eben auch: noch mehr Sozialdemokraten, noch mehr Rumgeheule, noch mehr ideologische Klamottenkiste (99% gegen 1% war ja schon die Parole der bürgerlich-demokratischen Revolution gegen den parasitären Adel), mehr oder weniger offener Antisemitismus, mehr oder weniger offen religiöser Moralismus und insgesamt der guten alten Versuch, die Übel der kapitalistischen Verwertung einem Prozent der Bevölkerung anzulasten und dieses irgendwie loszuwerden oder “zu vertreiben”, wohin auch immer.

classless kulla: Occupy yourself

Die Piraten und die NPD

Dass die Piraten sich ja nicht so ganz einig sind, ob bei ihnen die Holocaustleugnung nicht doch auch Teil ihrer „Meinungsfreiheit“ ist, ist ja bekannt. Und dann jetzt das:

Gleich zwei Piraten haben sich heute zu früheren Mitgliedschaften in der rechtsradikalen NPD bekannt. Den Anfang machte heute Morgen der Kreisvorsitzende der Piratenpartei in Freising, Valentin Seipt. Am Nachmittag bekannte sich das erst vor wenigen Wochen gewählte Mitglied des Kreistag Vorpommern-Greifswald, Matthias Bahner, zu seiner früheren Parteimitgliedschaft. Beide bezeichnen die NPD-Mitgliedschaft als sogenannte Jugendsünde. Es ging ihnen nur um Protest und Distanz zu den sogenannten etablierten Parteien. Die NPD kam da als Protestpartei gerade recht.

Das klingt ja nach einer wahrlich tiefschürfenden Auseinandersetzung. Danke.

Laut einem Hinweis von @Simon90L gab es gestern Abend noch ein kurzfristiges und öffentliches Treffen, bei dem Valentin Seipt von seinem Amt als Kreisvorsitzender der Piratenpartei in Freising zurück getreten ist. Anwesend waren der KV-Vorstand und Vertreter der Bezirks- und Landesvorstände der Piratenpartei, sowie Vertreter der örtlichen Antifa.

Seipt bereut es sehr, dass er nicht früher über seine frühere NPD-Mitgliedschaft informiert hat. Alle Anwesenden sind der Meinung, dass Valentin Seipt kein Nazi ist, weswegen er wahrscheinlich beim nächsten Kreisparteitag der Piratenpartei wieder antreten wird.

isarmatrose: Zwei Piraten geben NPD-Vergangenheit zu

Ein bisschen mehr zu den Hintergründen des ‚Aus- und Umstiegs‘ findet sich beim Janehl-Verlag:

Er habe sich als Jugendlicher von den etablierten Parteien nicht ernst genommen gefühlt. Trotzdem hat er sich für die Entwicklung des Landes interessiert. Er war in dieser Hinsicht weniger Politik, sondern vielmehr Politiker oder Parteienverdrossen. Und da kam, die NPD als Protestpartei gerade recht. Freilich hätte es zum protestieren auch andere Möglichkeiten gegeben.

Allerdings sei ihm von Anfang an klar gewesen, dass man lediglich auf demokratischen, rechtsstaatlichen Wege etwas hätte erreichen können. Und das war auch der einzige Weg, den er zu gehen bereit war. Eine „Karriere“ als Linker oder auch rechter Autonomer hat er daher nie in Erwägung gezogen.
Die NPD hat er bei Start seines Engagements dabei nicht mit Gewalt oder dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Im Gegenteil, die „führenden Köpfe“ der Partei haben dies zunächst auch weit von sich gewiesen. Doch irgendwann hatte er gemerkt, dass die Leute im kleinen Kreis eben anders sprechen, als auf Versammlungen. In der Öffentlichkeit gab man sich demokratisch und nicht diskriminierend. Unter Freunden sind dann schon deftige Worte gegen Ausländer gefallen. Zudem hat man keine Scheu gehabt, sich mit Kräften zu verbünden, die mehr oder weniger offen, das demokratische System ablehnten.
[…]
Als er schließlich merkte, dass die NPD doch nicht seine demokratische Heimat ist, sondern er sich zu den Piraten hingezogen fühlte nahm er dann an einem Aussteigerprogramm teil. Wie es weitergehen wird, ist noch unklar. Wichtig ist ihm, vor allem dass es mit den Piraten weitergeht.

Vielleicht hat seine (damalige) Affinität zur extremen Rechten auch mit seinem Musikgeschmack zu tun. Sein Facebook-Profil gibt da freimütig Auskunft. Da gibt es dann viel Metal und Mittelalterkram zu hören. Ich bin jetzt nicht so der Grauzone-Experte, aber neben den Böhsen Onkelz gibt es in seiner Liste z.B. auch Heidevolk, die sich scheinbar auch in einem Grauzone-Bereich bewegen und auftreten.

Wichtige Demo morgen in München

Am Samstag, den 8.10.11 um 15.30 Uhr werden bulgarische Münchener_innen und Unterstützer_innen eine Demonstration mit anschließender Kundgebung, von der Goethestraße (Ecke Landwehrstraße) zum Sendlinger-Tor-Platz, veranstalten, um auf die gegen Minderheiten gerichteten Pogrome in Bulgarien aufmerksam zu machen.

Abi K., Angehöriger der türkischen Minderheit Bulgariens, ist am Freitag, den 29.09. aus Pasardschik in Bulgarien nach München gekommen. Er berichtet noch am selben Tag: „Seit vier Tagen traut sich im türkischen Viertel unserer Stadt keiner mehr aus dem Haus. Wir haben Angst, können nicht mehr schlafen, nicht mehr in die Arbeit oder zum Einkaufen gehen und die Kinder nicht mehr in die Schule. Unser Viertel wird von organisierten Schlägertrupps, die meist vermummt
auf Motorrädern anrücken, angegriffen. Erst gestern wurden wieder fünf oder sechs Leute aus der Nachbarschaft verprügelt. Die Polizei hat zwar das Viertel umstellt um uns zu schützen, aber die Hilfe von der Polizei ist nur halbherzig, die Schläger kommen trotzdem ins Viertel und verprügeln uns, wir haben kein Vertrauen in die Polizei. Als ich heute nach München gefahren bin, sagte der bulgarische Grenzpolizist, ich solle nicht flüchten, sondern in Bulgarien bleiben, um zu sterben – das wäre besser.“

via Kafe Marat
Mehr Infos soll es bei carava.net geben, gerade ist die Seite aber down.

Die Rosa Rächerinnen

Ins Leben gerufen wurde die Frauentruppe von der resoluten Inderin Sampat Pal Devi, die sie Gulabi-Gang taufte, was nicht einer gewissen Selbstironie entbehrt. Gulabi meint rosa und soll das süße weibliche Wesen symbolisieren. Doch statt Süßem geben die Damen den Herren kräftig Saures. Erstmals für landesweite Schlagzeilen sorgte Devi 2007, als sie mit ihren Mitstreiterinnen öffentlich einen Polizisten verdrosch, weil dieser ohne Anklage einen Bauern einer unteren Kaste für zwei Wochen im Gefängnis schmoren ließ. Später verprügelten sie Ordnungshüter, die sich weigerten, Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch zu untersuchen.
[…]
Die Gulabi haben ein Instrumentarium der abgestuften Eskalation entwickelt. Sie versuchen es mit gutem Zureden, sie stellen Missetäter öffentlich bloß und drohen Uneinsichtigen. Erst wenn das alles nicht hilft, werden die Damen handgreiflich. Die Schlagstöcke tragen sie keineswegs nur zur Dekoration. „Wir reden dann erst mit dem Mann, der seine Frau schlägt. Wenn er es nicht versteht, fordern wir seine Frau auf mitzumachen, während wir ihn mit unseren Lathis verprügeln.“ Devi selbst schwört weiter auf die Sprache der Gewalt. Diese habe sich als wirksamstes Mittel erwiesen, um Probleme zu lösen.

Der Tagesspiegel: Frauen-Gang lehrt Männer das Fürchten
via Lantzschi

Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren…

Ihre Musik kündet von einer Zeit, da noch von Mensch zu Mensch kommuniziert wurde, mit nicht mehr als einer Gitarre und naturbelassener Stimme. Optimierungstechnologien wie die Computersoftware Autotune, mit der auch der schlechteste Sänger jeden Ton trifft, waren noch nicht erfunden. Für viele Anhänger des Vollbartfolks ist das bloße Nichtmitmachen bei der permanenten Selbstaufrüstung bereits eine Kritik am digitalen Kapitalismus. Wer daran glaubt, der hält auch die Fleet Foxes, diese unqueerste, geheimnisloseste, bescheidenste und patenteste aller Vollbartbands, für die Krone der Schöpfung, der unverfälschten.
[…]
„Mojo“ und „Uncut“, die Zentralorgane der retrogressiven Musealisierung des Rock, feiern Bands wie die Fleet Foxes. Sie dürfen sogar aufs Cover, eine Ehre, die sonst nur Toten, über Sechzigjährigen und den Gallagher-Brüdern zu Teil wird. Bei „Mojo“ und „Uncut“ widmen sich jahrzehntelang gereifte Edelfedern des Rockjournalismus auf hohem Niveau der Traditionspflege. Jubiläen werden gefeiert wie sie fallen, 60 Jahre Rock‘n'Roll, 50 Jahre Beatles, 40 Jahre T. Rex, 35 Jahre Punk und, ja, 20 Jahre „Nevermind“ von Nirvana. Weiße, heterosexuelle Männer schreiben Monat für Monat an der Bibel der weißen, heterosexuellen Rockmusik.

Mal überraschend guter Popjournalismus bei SpON: Haare überwuchern Haltung